Relativtheorie

Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Über Meinungen allerdings schon. Vorausgesetzt, man definiert Meinung als Haltung mit einer Argumentation, während sich der Geschmack mit der Begründung „Weil ich es eben mag“ zufrieden geben darf.

Wir sehen niemals die Wirklichkeit, brachte mir ein Lehrer bei, wofür er folgendes Bild bemühte: Ein Zylinder sieht von oben aus wie ein Kreis, von vorne wie ein Rechteck. Diese beiden Formen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht und doch treffen sie beide auf ein und dieselbe Sache zu. Ansichtssache eben. Derart verhält es sich mit vielem.
Für Kreis und Rechteck lassen sich Vor- und Nachteile einsetzen. Beispiele? Bitte: Ein gebrauchtes Auto mit einem niedrigen Kilometerstand ist gut, wenn der Zeitraum seit der Erstzulassung entsprechend kurz ist – andernfalls wurde das Auto zu wenig bewegt und ist vermutlich nicht gut in Schuss. Energiereiche Nahrung ist gut, wenn man viel Sport treibt – tut man das nicht, macht einen diese Ernährung behäbig, kraftlos und dick. Über Regen freuen sich wohl die wenigsten Sportler, aber vielleicht einige Gärtner.
Ein Sachverhalt ist selten eindimensional, sondern oftmals vielschichtig und aus mehreren Perspektiven wahr. Kurz um:

Es kommt darauf an.

In der Oberstufe lehrte mein Biotechnologielehrer mich, dass eine gute Antwort immer mit diesen vier Worten beginne. In meiner Germanistik-Bachelorprüfung einige Jahre später erklärten mir meine Prüfer, dass dieses Relativieren unwissenschaftlich sei. Dabei kann Wissenschaft doch nur dann Fortschritte bringen, wenn etwas Bekanntes in Frage gestellt und somit aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird, dachte ich damals in der Prüfung und denke ich noch heute.
Ich habe diese Relativhaltung bis heute beibehalten, weil sie mir sinnvoll und erstrebenswert erscheint. Meiner Meinung nach kann eine neue Perspektive einen neuen (Wissens-)Horizont eröffnen. Und ich für meinen Teil höre mir jede mir noch so widersinnig scheinende Argumentation gerne einmal an. So kann ich auch meinen eigenen Standpunkt reflektieren. Und lieber lasse ich mich eines Besseren belehren, als dumm auf meinem bisherigen Standpunkt zu verharren.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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